Das Haus von morgen
📱 First aid phone heart
+43 (0) 664 253 1996

Beiträge durchsuchen

Lieben heißt jemanden sein lassen

Es hat ein wenig gedauert, bis ich es gewagt habe.

Offen über Emotionen zu sprechen ist eine Herausforderung - auch für andere, auch für indirekt Betroffene. Das Eingestehen meiner Gefühle könnte mich ins Schwanken bringen, mich schwächen, angreifbar machen.
Ich habe mich auseinandergesetzt mit dieser Angst. An einem kleinen Rädchen drehen bringt Bewegung in ein System. Auch wenn noch nicht klar ist, in welches.
Klar ist für mich, genau hinschauen, Gefühle annehmen, sie ausdrücken, birgt die Möglichkeit für Verständnis - in letzter Konsequenz für mich selbst.

Zu Ostern ein Märchen

Blumenwiese
am Wegesrand

 

Es war eine kleine Frau,
die den staubigen Feldweg entlang kam. Sie war wohl schon recht alt, doch ihr Gang war leicht und ihr            Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens. Bei der zusammen gekauerten Gestalt blieb sie stehen und sah hinunter. Sie konnte nicht viel erkennen.  Das Wesen, das da im Staub des Weges saß, schien fast Körperlos. Es erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen.

Die kleine Frau bückte sich ein wenig und fragte „Wer bist Du? Zwei fast leblose Augen blickten müde auf. „Ich? Ich bin die Traurigkeit“, flüsterte die Stimme stockend und so leise, dass sie kaum zu hören war. „Ach die Traurigkeit“ rief die kleine Frau erfreut aus als würde sie eine alte Bekannte begrüßen. „Du kennst mich?“ fragte die Traurigkeit misstrauisch. „Natürlich kenne ich Dich! Immer wieder einmal hast Du mich ein Stück des Weges begleitet.“

„Ja… aber“, argwöhnte die Traurigkeit, „warum flüchtest Du dann nicht von mir? Hast Du denn keine Angst?“

„Warum sollte ich vor Dir davonlaufen meine Liebe? Du weißt doch selbst nur zu gut, dass Du jeden Flüchtigen einholst. Aber was ich Dich fragen will: Warum siehst Du so mutlos aus?“

„Ich…. Ich bin traurig,“ antwortete die graue Gestalt mit brüchiger Stimme. Die kleine, alte Frau setze sich zu ihr. „Traurig bist Du also“, sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. „Erzähl mir doch, was Dich so bedrückt.“

Die Traurigkeit seufzte tief. Sollte Ihr diesmal wirklich jemand zuhören wollen? Wie oft hatte sie sich das schon gewünscht.
„Ach weißt Du,“ begann sie zögernd und äußerst verwundert „es ist so, dass mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung unter die Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest.“

Die Traurigkeit schluckte schwer. „Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen.
Sie sagen: Papperlapapp, das Leben ist heiter. Und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot. Sie sagen: Gelobt sei, was hart macht. Und dann bekommen sie Herzschmerzen.

Sie sagen: Man muss sich nur zusammenreißen. Und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken. Sie sagen: Nur Schwächlinge weinen. Und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe. Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen.“

„Oh ja,“ bestätigte die alte Frau, „solche Menschen sind mir schon oft begegnet.
Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen.
„Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen.
Ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist, hat eine besonders dünne Haut. Manches Leid bricht wieder auf wie eine schlecht verheilte Wunde und das tut sehr weh. Aber nur wer die Trauer zulässt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich ihnen dabei helfe. Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu.“

Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz verzweifelt.

Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme. Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel.

„Weine nur Traurigkeit“ flüsterte sie liebevoll, ruhe Dich aus, damit Du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde Dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr an Macht gewinnt.“ Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin: „Aber.. aber – wer bist eigentlich Du?“

„Ich?“ sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd und dann lächelte sie wieder so unbekümmert wie ein kleines Mädchen.

„Ich bin die Hoffnung.“

„Heute“, Gedanken

Liebe Stephanie* ,

Ich bin in Gedanken mehr bei Dir denn je.

Doch etwas fühlt sich anders an, in diesen Zeiten. Ruhig fühle ich mich, ich spüre mein Herz klopfen, wenn ich an Dich denke. Ich spüre großes Vertrauen.

In Dich.
In die Zeit, die wir miteinander verbracht haben.
In das, was wir beide, Deine Eltern, Dir mitgeben konnten.
In die Liebe, die Dein Partner für Dich empfindet. (Ich habe ihn gesehen, in der Straßenbahn, für fünf Minuten konnte ich ihn ansehen, er hat mich nicht erkannt. Ich habe mir gedacht, wie schön, dass dieser sympathische junge Mann meine Tochter liebt; Wow, ich war stolz auf mich, als ich meiner Gefühle in diesem Moment gewahr wurde)
In meinen Weg, den ich gewählt habe.
In den Weg, den Du gewählt hast.

Ich sehe Dich vor mir, vor einem Jahr, als wir uns gesehen haben, für eine kurze und doch irgendwie sehr innige halbe Stunde.
Du hast zu mir gesagt: „Mama, es tut mir gut,  keinen Kontakt mit Dir zu haben.“ Aus irgendeinem Grund hat mir das Kraft gegeben. Es war wohl die Art und Weise, wie Du es gesagt hast. Du hast mir in die Augen gesehen, warst bestimmt und dennoch liebevoll.

Es klingt wohl paradox, wenn ich sage plötzlich hat mein Herz verstanden. Du hast fest, bestimmt und dennoch liebevoll geklungen – zumindest in meinen Ohren ist das so angekommen. Ich weiß, die Bedürfnisse bestimmen die Wahrnehmung, aber für mich hat das gestimmt.
In diesem Moment auf einmal hat mein Herz verstanden und ich konnte loslassen. Was für ein Schritt für mich in die Freiheit.

Seither kann ich anders an Dich denken, fühlt meine Sehnsucht sich anders an.

Ich danke Dir sehr dafür, mein liebes Kind. Vielleicht möchtest Du das nicht hören, Kind, aber es ist nun mal so, dass Menschen immer die Kinder ihrer Eltern bleiben, auch wenn Du so erwachsen und reif gehandelt hast, wie sich das alle Eltern für ihre Kinder erhoffen.
Ich danke Dir für diesen Herzensmut.

Seither sehe ich Dinge und Stimmungen, die Dir mal gefallen haben, wieder in Freude und Schönheit.

Die Wehmut ist einem Gefühl der Verbundenheit und der schönen Erinnerungen gewichen. Verzeih, wenn ich nicht anders kann und Dir dann ein Foto solch einer Blume schicke. Es ist ein Ausdruck meines Herzens, keine Erwartung oder gar Aufforderung an Dich irgendwie zu reagieren.
Ich habe verstanden.

Seither erlaube ich mir die Gefühle, die eine Mama nun mal hat, einfach zu spüren.

Fühl Dich nicht bedrängt, wenn ich das sage, ich freu mich einfach Deine Mama zu sein. Denn Mama bleibt man ein Leben lang, das verdrängen zu wollen kann ganz schön in Bedrängnis bringen.

Das Loslassen beginnt gleich nach der Geburt. Die Nabelschnur wird durchtrennt und schon beginnt das neue Leben seinen Weg zu gehen. Wir Eltern dürfen Begleiter sein. Leben will leben und findet seinen Weg allein, egal, ob uns das so passt oder nicht.

Ich bin sogar insgeheim stolz darauf, dass Du bestimmt und sicher Deinen Weg gehst. Ich winke Dir nach, hoffnungsvoll, mit dem Wunsch an Dich Du mögest immer Deinem Herzen folgen. Das ist alles, was ich will. Was ich mir gewünscht habe für Dich, damals, als junge Mutter, ist vollbracht.

In diesen Zeiten, natürlich, meine Liebe, denke ich an Euch. Ich frage mich wie es Euch geht, in dieser Situation, mit diesem Virus. Ich frage mich, ob Du Sorgen hast, ob Du Ängste hast. Klar, am Liebsten würde ich vorpreschen und alle Sorgen von Dir weghalten, sie zerstreuen, Dich halten, in den Arm nehmen. Ja, so ticken Mamas. Wenn ich solche Gefühle habe, dann kommt lächelnd die innere Stimme und mahnt mich die Kirche im Dorf zu lassen. Ich habe mir angewöhnt meine innere Stimme sehr ernst zu nehmen und ihr zu folgen.

Mein Herz sagt, ich liebe Dich. Das wird so bleiben – das ist einfach die Natur.
Mein Kopf sagt, das wird so bleiben – ich habe mich dazu entschieden, das liegt in meiner Macht.
Mein Bauch sagt, das wird so bleiben – alles ist gut.
Alle zusammen, also ICH, sag – das wird also so bleiben, ich bin da, die Tür ist immer offen.

Vor einigen Jahren, da bin ich des Morgens aufgewacht und ein Wunsch war auf meinen Lippen. Ich habe ihn laut ausgesprochen:
„Ich wünsche mir eine Begegnung in Freiheit“

Meine Liebe, mein Wunsch ist erfüllt.

Mama

*Name geändert

G.K.

Nächste Seite » « Vorherige Seite