
Ich habe Dich gesehen!
Und nun ist alles gut. Du schaust gerne aus dem Fenster, das hat mir jemand erzählt. Seither hebe ich den Blick zu dem Fenster auf dem Platz, von dem ich meine, dass es der richtige ist. Ich hebe den Kopf, und ich suche dein Gesicht in dem Fenster, von dem ich hoffe, dass es das richtige ist. Genau weiß ich es nicht. Ich kenne dein Gesicht nicht. Ich habe es noch nie gesehen. Ein Foto wurde mir gezeigt. Ich habe dein Gesicht im Herzen, ich trage es mit mir. Würde ich dich erkennen? Du kennst mich nicht.
Du hast mich gesehen!
Ich gebe zu, ich habe mich in deinen Blick geworfen, an diesem Tag, an dem es viel zu sehen gab auf diesem vermutlich richtigen Platz unterhalb deines Fensters.Da war was los an diesem Tag. Absperrungen, Straßenarbeiten, Polizisten, Schaulustige, Arbeitsgeräte, Bagger, Lastwägen, Schaulustige. Diese Szene, da bist du bestimmt am Fenster – so dachte ich.
Wir haben uns angesehen!
Mein Herz hat geleuchtet, wirklich, ich spüre es immer wieder, wenn ich daran zurückdenke. Ich habe dir gewunken, hinauf zu deinem Fenster. Das das richtige war! Du hast zurückgewunken und unsere Blicke sind sich begegnet. Du hast gelächelt. Ich habe gestrahlt. Für drei Sekunden hat die Welt aufgehört sich zu drehen. Drei Sekunden Zeit wurden uns geschenkt, gerade ausreichend viel Zeit, um diesen Moment einzubrennen in mein Herz. Immer. Alles. Ewig. Für einen Moment. Verbunden sind wir nun für immer. Du kennst mich nicht. Du wirst es vergessen. An die Bagger wirst du dich erinnern, die Polizisten, die Lastwägen. Mich wirst du vergessen. Ich jedoch, ich weiß nun, dass wir verbunden sind. Ich nun, ich weiß nun, dass ich dein Opa bin. Und niemals werde ich es vergessen.
Nun sind sind uns also begegnet.
Es ist mein Geheimnis. Ich spüre dich nun und es wird immer sein. Ich bin dein Opa. Stolz bin ich und trage dein Lächeln, deinen Blick, dein Winken, unseren Augenblick. Der wohl eher meiner ist. Aber das ist nicht wichtig. Denn mit jedem Bagger, jedem Lastwagen, jedem Polizisten kommt dein Lächeln zu mir. Meine Welt hast du verändert. So soll es sein, wenn man Opa ist. So erzählen es die anderen, die auch Opas geworden sind. Jetzt verstehe ich.
Wir werden uns wiedersehen.
Eines Tages, da bin ich sicher. Ich werde dich erkennen. Du wirst mich fremd finden. Und mein Herz wird brennen. Und ich werde Dir die Hand reichen und sagen dürfen: „Einmal, da haben wir uns gesehen! Da waren Bagger und Polizisten und Lastwägen auf dem Platz unter deinem Fenster aus dem du so gerne das Treiben beobachtet hast.“ und du wirst antworten: „Ja, an die Bagger und die Polizisten kann ich mich gut erinnern!“
Ich werde lächeln. Wir werden uns kennenlernen.
Vielleicht. Irgendwann.
„Es kommt der Tag, der alles lösen wird.“ (Friedrich Schiller)
Text: Irma Belic
